Tausend und eine Kehre

Tausend und eine Kehre

Teilnahmslos starrt das zottelige Dromedar auf die kleine Gruppe menschlicher Wesen in engen Hosen und mit bunten Plastikhelmen in den Händen. Seine vom Wüstensand geschundenen Augen haben ja schon viele Touristen auf und beiderseits der alten und wichtigsten Handelsstraße von Marrakesch nach Timbuktu gesehen. Wo die Vorfahren des Lasttieres einst geduldig Salz und Gold über den 2260 Meter hohen Tizi n‘ Tichka Pass schleppten, lassen sich heute Touristen unbeholfen in die knochentrockenen Ledersättel der einhöckrigen Kamele plumpsen. Oder sie leisten sich mit Motorrädern gewagte Überholmanöver auf holprigen und staubigen Straßen – verpackt in Leder und Helme mit geschlossenem Visier. Und erst die Möchtegern-Geländefahrer, die immer ratlos herumstapfen, wenn sie trotz Allrad mit ihren Jeeps im feinen Sand doch stecken bleiben.

E-Bikes als Alternative zu den langsamen Wüstenschiffen 

Jetzt sind es also zur Abwechslung mal Fahrradfahrer, die ein Minibus über den Pass gekarrt hat, um sie hier auf die Straße zu entlassen: Ihr Kichern verrät Nervosität, mit der sie ihre Räder schon mal Probe fahren. Aber bevor sie sich endgültig in den Sattel schwingen, kommt es wie immer. Die gelangweilt stinkenden und ab und dann spuckenden Wüstentiere und die modernen Fahrräder davor: Was für ein Fotomotiv! Sei es drum, das bringt Geld in die Kasse des Kameltreibers, der schon die Hand aufhält und sich das Shooting mit seiner kleinen Karawane umgehend und nicht zu knapp bezahlen lässt.Der Blick des Berbers mit dem typischen Turban über dem dunklen, vom Wind gegerbten Gesicht streift geschäftsmäßig über die Räder, die offensichtlich eine ernst zu nehmende Konkurrenz zu seinen Dromedaren bedeuten.

Sprache und Kultur der Berber sind von Eroberern geprägt  

Nach genauer Untersuchung entdeckt er den Bosch- Batterieblock unter den Gepäckträgern und konstatiert kundig grinsend: “Ahhh, avec engine“. Man weiß nicht so genau, ob das nun bewundernd oder abwertend gemeint ist und wundert sich über das perfekt und wohl betonte Französisch, mit dem er sich dann nach der Herkunft der Gäste seines Landes erkundigt. Doch nicht nur die Sprache, sondern auch die Kultur der heutigen Berber, die etwa achtzig Prozent der Bevölkerung Marokkos ausmachen, ist stark durch Spanier, Franzosen und Araber geprägt. Kein Wunder, sie haben das afrikanische Land im Laufe seiner Geschichte entweder bekriegt oder erobert oder beides.  

Gepäck und Ersatzräder reisen per Minibus hinterher

Die touristische Eroberung dieser Gegend hier kann abgesehen von einem zweifelsohne gemächlicheren Ritt auf einem Dromedar oder einem langwierigen Fußmarsch kaum intensiver sein als mit einem Fahrrad. Das Gepäck reist zusammen mit dem für jede Art von Zwischenfall gerüsteten Equipment einschließlich Ersatzfahrrädern auf dem Minibus-Dach hinter der Gruppe her. Die meisten sind Freizeitradler, die jederzeit ab- und umsteigen können. Noch ist es kühl und die gut ausgebaute Straße lässt die Wahl, per Tritt in die Pedale voll engagiert aus eigener Kraft unterwegs zu sein oder sich schon jetzt mit dem sanften Schub des Elektromotors unterstützen zu lassen. Der milde Wind des marokkanischen Winters, in dessen Nächten es zwar mit unter zehn Grad auch mal empfindlich kalt werden kann, der tagsüber aber den Charme eines deutschen Hochsommertages in sich trägt, umsäuselt die kleine Karawane der E-Bike-Fahrer.

Bei steilen Strecken kommt der Turbo zum Einsatz 

Die Strecke wird steiler. Die Turbostufe des E-Bikes kommt damit zum Einsatz. Die einfachen Lehmhütten eines Berberdorfes schmiegen sich eng an die mit Kakteen gesäumten Felsen. Wäsche flattert in winzigen, mit Steinen umrandeten Hinterhöfen, die Straßenköter davor räumen nur widerwillig ihren Platz auf dem warmen Asphalt. Neugierige Blicke der Bewohner, die auf die Straße stehen oder aus den Fenstern ihrer Häuser schauen, verfolgen die fremd aussehenden Durchreisenden. Augenscheinlich sind Frauen in kurzen Hosen ein noch seltener und nicht unumstrittener Anblick, wie man an den Reaktionen der Älteren unschwer erkennen kann. Die Jüngeren und die Kinder winken eifrig und rufen den Fremden ein sicher ehrliches „Bonjour,Bonjour“ hinterher.

Nassnass ist ein marrokanischer Espresso mit viel Milchschaum

Etwa 100 Kilometer südlich von Marrakesch zweigt eine schmale Teerstraße in östliche Richtung von der Hauptstraße ab. Sie schlängelt sich von hier durch das Assif-Ounila-Tal nach Aït-Ben-Haddou am Fuße des Hohen Atlas. Dieses Wehrdorf, das sich seit 1987 mit der Unesco-Auszeichnung als Weltkulturerbe schmückt, umsäumt der Fluss Asif Mellah. Wasser führt er nur im Winter und Frühjahr. Hier und heute ist es ein perfekt pitoresker Zwischenstopp für das typische marokkanische „Nassnass“. Das ist arabisch, steht für halb und halb und bezeichnet einen Espresso mit viel Milchschaum im Glas. Alternativ bietet sich starker schwarzer Tee mit frischer Minze an, der in Deutschland niemals so schmeckt wie hier.

Zahlreiche Filme wurden schon in Aït-Ben-Haddou gedreht

Der ursprüngliche Ort Aït-Ben-Haddou besteht aus mehreren ineinander verschachtelten Kasbahs, die in traditioneller Lehmbauweise errichtet wurden. Eine steile Steintreppe führt bis zum höchsten Punkt des Hügels, auf dem die Ruine eines Agadirs thront, um die jetzt ein fast heißer Wind fegt. Der Blick reicht weit hinüber zu den mächtigen Flanken des Atlas vor dem tiefblauen Himmel. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie grandios sich Ait-Ben-Haddou mit seinen rotbraunen Mauern und Zinnen und den verschlungenen Gassen als Kulisse für Hollywoodfilme eignet. Klassiker wie „Lawrence von Arabien“ , „Gladiator“, aber auch neuere Produktionen wie „Die Mumie“, „Indiana Jones“ und „Games of Thrones“ wurden hier gedreht. Die Filmindustrie bringt Geld in das mit seiner Kulisse beeindruckende Kaff. Die Bewohner verdienen als Statisten in der ersten Reihe schon mal 100 Euro am Tag. Beachtlich in einem Land, in dem der Durchschnittsverdienst gerade mal bei sieben Dollar am Tag liegt. Wird nicht gedreht, macht man Geschäfte mit den Touristen: Das Angebot reicht von berberischen Töpferwaren über selbst gemalte Bilder, Silberschmuck und Amethysten von nicht unbedingt zweifelsfreier Qualität zu Teppichen und Gewürzen. Die meisten Ortsansässigen haben den alten Teil des Ortes längst verlassen, arbeiten tagsüber dort, leben aber im neuen und modernen Dorf mit neuen Hotels, internationalen Restaurants und Tankstellen auf der anderen Seite des Flusses.    

E-Bikes sind doch die besseren Kamele

Die Dämmerung zieht heran, es wird Zeit zum Aufbruch. Den Weg zurück nach Marrakesch übernimmt wieder der Minibus. Im Nachhinein wächst die Überzeugung, dass der Berber mit dem Dromedaren den E-Bikes wohl doch eher Bewunderung zollen wollte. Bei den kilometerlangen Steigungen von bis zu 16 Prozent und über 600 eroberte Höhenmeter hätten die bedächtigen Vierbeiner oder auch normale Räder auf staubiger Strecke gegen die moderen Batterie-Bikes nie eine Chance.

Reiseziel:

Das Königreich Marokko, eines der liberalsten islamischen Länder, bedeckt etwa die Fläche von Deutschland und Österreich zusammen und liegt im Nordwesten Afrikas. Der Hohe Atlas erstreckt sich im leichten Bogen über rund 800 Kilometer von Südwesten nach Nordosten. Hier liegen die höchsten Erhebungen ganz Nordafrikas, darunter auch der höchste Berg Marokkos, der 4167 Meter hohe Jabal Toubkal.

Reisezeit:

Die Monate April und Mai sowie Oktober und November sind die besten Reisezeiten, dann ist das Klima landesweit angenehm warm und nicht zu heiß.

Anreise: Air Arabia Maroc, Tochtergesellschaft von Air Arabia aus den Arabischen Emiraten, fliegt preisgünstig von Frankfurt am Main, Köln/Bonn und Basel/Mühlhausen nach Marrakesch und Casablanca.

Übernachten:

Im Riad „Bahia Salam“ in Marrakeschs Altstadt verstummt der Lärm der Welt. Im Zentrum des traditionellen Gästehauses sprudelt ein Springbrunnen, sein Becken gefüllt mit Rosenblättern. Eine Oase der Ruhe, in der eine Dachterrasse und mit handgewebten Decken behangene Kanapees zum Verweilen und Träumen einladen.

Viel zu schade für nur eine unter 1001 Nächten ist das im Kashba-Stil und mit viel Liebe zum Detail gebauten Hotel „Ksar Ighnda“ am Fuße des Atlasgebirges im Ounila-Tal. Eine gelungene Mischung aus Tradition und Moderne, im Garten wachsen echte Kakteen zwischen künstlichen Edelstahlkakteen.        

 

Veranstalter:    

Belvolo aus Berlin ist eine Tochter von Lernidee Erlebnisreisen, die 2016 für das ganze Thema E-Bike Reisen gegründet wurde. Der Spezialveranstalter bietet geführte Touren auf allen Kontinenten an. Die Tour durch Marokko dauert 10 Tage und ist ab 1.690 Euro (ohne Flug) bzw. 2.290 Euro (mit Flug) buchbar. Hotelübernachtungen, zahlreiche Mahlzeiteneine ständige deutschsprachige Reisebegleitung sowie die Nutzung eines hochwertigen Marken-E-Bikes sind im Preis enthalten. 2018 werden 8 Termine zwischen März und Mai bzw. Oktober und Dezember angeboten. Information und Buchung: www.belvelo.de , info@belvelo.de. Pro durchgeführter Reise spendet Belvolo ein Fahrrad für Schüler in ländlichen Regionen des südlichen Afrikas.

Der Beitrag gefällt Ihnen? Teilen Sie ihn doch mit Ihrem Netzwerk.



Nachfolgend noch eine Werbeanzeige. Wenn etwas interessantes dabei ist, unterstützt ein Klick natürlich, wie bei derartigen Anzeigen üblich, den Blog.

 

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * markiert.