Eiskalte Hatz im Norden Kanadas

Eiskalte Hatz im Norden Kanadas

Durch das dichte Schneetreiben dringt aufgeregtes Gebell. Die Schlittenhunde zerren an ihren Leinen, mit denen sie noch an einen großen Anhänger angebunden sind, der sie her transportiert hat. Die Meute jault und kläfft, es soll endlich losgehen, sie wollen arbeiten, rennen, endlich den Schlitten ziehen. Doch sie müssen warten. “Das sind die falschen Handschuhe”, tönt es aus der dick vermummten Gestalt mit dunklem Bart, buschigem Augenbrauen und freundlich zwinkernden Augen. Ein paar Fäustlinge fliegen durch die Luft. Natürlich sind dünne Fingerhandschuhe nicht die richtige Arbeitskleidung hier draußen auf dem zugefrorenen See in der Nähe von Whitehorse. Das Kaff im Nordwesten Kanadas ist Wohnort für 24.000 der 30.000 Einwohner des Territoriums von Yukon, das in der Fläche Deutschland nebst Belgien, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz locker aufnehmen könnte.

Weiße Stellen im Gesicht sind erste Anzeichen von Erfrierungen

Das Thermometer zeigt minus 15 Grad an diesem Vormittag. Nicht sonderlich kalt für diese Gegend, aber der eisige Wind kneift empfindlich in die Wangen. Schnell ist die Grenze vom Frösteln zum Frieren und dann zum Schmerz überschritten, der die Tränen in die Augen treibt. “Man muss vorsichtig sein, weiße Stellen im Gesicht sind die ersten Anzeichen von Erfrierungen”, warnt Frank Turner, der nicht nur die Theorie kennt und weiß, wovon er spricht. Er ist Hundeschlittenführer und hat als einziger überhaupt 24 Mal am gefährlichsten Hundeschlittenrennen der Welt, dem Yukon Quest, teilgenommen. Zwischen Fairbanks in Alaska und Whitehorse in Kanada führt die Route 1600 Kilometer durch weitgehend unberührte und eisige Natur. Dabei wechselt der Startpunkt von Jahr zu Jahr: In Jahren mit ungeraden Zahlen ist es Whitehorse, in Jahren mit geraden Zahlen ist es Fairbanks und damit geht es in diesem Jahr am 28. Januar 2014 dort auch los.  

Ankommen müssen mindestens sechs Hunde

An den Start geht man mit mindestens acht, maximal mit 14 Hunden, ankommen muss man mit mindestens sechs Hunden. Quelle: MuktukWährend des Rennens können die Temperaturen zwischen 0 und für Mitteleuropäer schier unvorstellbare minus 55 Grad schwanken. Die Distanz zwischen den einzelnen Kontrollpunkten beträgt bis zu 300 Kilometer. Dort lagern Futter und Ausrüstungsgegenstände, die vor dem Rennen deponiert wurden. Der Schlitten selbst darf während des ganzen Rennens nicht ausgetauscht werden. Einfache Regeln. “Das kann alle Träume vom Sieg zerstören”, sagt Frank und wird auf einmal ganz ernst. “So schnell kann ein Schlitten umkippen und brechen”. Bei einem Totalschaden ist das Rennen zu Ende, Mühen und Anstrengungen für Mensch und Hund vertan. Was bringt eigentlich Menschen dazu, sich bei solchen Temperaturen auf einen Schlitten zu stellen und sich Tag und Nacht von Hunden durch die Gegend ziehen zu lassen? Frank schüttelt bei der Frage den Kopf und ist schon fast entrüstet.

Musher marschieren auch schon mal mit ihren Hunden

“Schlittenhundeführer heißen Musher. Das kommt von marcher, dem französischen Wort für marschieren”, erklärt er. “Es ist also nichts mit Ausruhen, bergauf und an schwierigen Stellen wird gelaufen, um die Hunde zu entlasten”. Dann bückt er sich und befreit den kräftigen, etwas gedrungenen Smirrna von seiner Leine. Rasch und ohne irgendeine Gegenwehr des Vierbeiners streift er ihm ein Geschirr über und bringt ihn zu seinem Platz vor dem Schlitten. Sämtliche 125 Hunde von Frank sind Alaska Huskys und jeden von ihnen kennt er mit Namen. Alaska Huskys werden im Gegensatz zu den Sibirischen Huskys extra als Rennhunde gezüchtet. “Zähe Kerle sind das”, sagt Frank mit einer ganzen Portion Stolz in der Stimme, “die können schon mal sechs bis sieben Stunden ohne Pause laufen”, und schon fast zärtlich fügt er leise hinzu: “Lieb sind sie, zutraulich und auf keinen Fall bösartig”. Das müssen sie auch sein, denn Mensch und Hunde sind ein Team, Tag und Nacht in der Natur auf sich allein gestellt. Da darf es keine Beißereien untereinander geben, höchstens kurze, um die Rangfolge im Rudel klar zu machen. Frank liebt seine Hunde, das merkt man sofort. Das macht einen guten Musher eben aus. Der muss eine Menge Einfühlungsvermögen mitbringen, schließlich ist der Mensch in der Wildnis abhängig von den Hunden.

Zu Zeiten des Goldrauschs ging es los mit den Schlittenhundrennen

Das gilt in der Zeit der Goldsucher und Abenteurer ebenso wie heute, wo der Yukon Quest als Erinnerung an die “Good Old Days” veranstaltet wird, um die ganz besondere Beziehung zwischen Mensch und Hund in der arktischen Einsamkeit zu ehren. Im kältesten Monat des Jahres folgt die Route des Rennens traditionellen Wegen, die von Postboten, Goldsuchern, Pelzhändlern, Missionaren und Abenteurern mit ihren Schlitten benutzt wurden. Zehn bis 14 Tage braucht ein guter Musher für die 1000-Meilen-Strecke. “Während des Goldrausche ging es los mit den Schlittenhunderennen”, erzählt Frank mit einem Grinsen im Gesicht. Glücksspieler gab es zuhauf und neben dem Kartenspielen brauchten sie noch etwas, auf das sie wetten konnten. In Ermangelung von Pferden warenQuelle: Muktuk es dann eben Hunde.
Frank hat im Jahr 1995 den Yukon Quest in 10 Tagen, 16 Stunden und 18 Minuten bewältigt. Ein Rekord, der 12 Jahre lang Bestand hatte. Inzwischen hat sich der 66-Jährige aus dem Rennen zurückgezogen, das sein halbes Leben geprägt hat. Bei Whitehorse lebt er ganz in der Nähe des Alaska Highway auf seiner Farm Muktuk Adventures, züchtet Schlittenhunde, gibt jenen, die keine Rennen mehr laufen können, ein Heim und interessierten Touristen aus aller Herren Länder Kurse rund um das Hundeschlittenfahren.

Manuela hat es aus Deutschland nach Whitehorse gezogen  

Mittlerweile sind die Hunde vom Warten fast wütend, ihr akustischer Aufstand scheint kaum noch steigerbar. Damit es schneller geht, hilft Manuela beim Überstreifen der Geschirre. Manuela stammt aus Süddeutschland. Nach Abschluss ihrer Zimmermannslehre stand für sie fest, dass sie nicht in Deutschland bleiben will. “Da muss es doch noch etwas anderes geben als diese Hetze auf der Jagd nach zweifelhaften Statussymbolen”, erzählt sie auf die Frage, warum sie der Zivilisation mit all ihren Vorzügen den Rücken gekehrt und die Einsamkeit des hohen Nordens gesucht hat. Es war nicht zuletzt die Liebe zu Tieren, die sie nach einer Zwischenstation in Vancouver zu Frank Turner nach Whitehorse führte. Bei ihm arbeitet sie. Wenn sie nicht gerade Hunde für ein Rennen trainiert, betreut sie die Gäste. Fachkundig und geduldig erklärt sie, wie man das Gespann nur mit der Stimme durch den Schnee dirigiert, wie man bremst und wie man das Gewicht verlagert, damit der Schlitten nicht umkippt. “Auf keinen Fall sollte man vom Schlitten fallen”, mahnt sie mit ernster Miene. “Das könnte zur Katastrophe werden, wenn der herrenlose Schlitten bergab in die Hunde hinein rast und ihnen die Beine bricht”. Endlich sind alle Hunde an ihrer Position im Geschirr. Madeleine stellt sich hinten auf den Schlitten. “Go, Carter, go!” Ihre Aufforderung an den Leithund war nicht wirklich erforderlich. Wie von der Tarantel gestochen werfen sich die Vierbeiner in ihr Geschirr und rennen los. Bald hört man neben dem Getrappel ihrer Pfoten nur noch das Hecheln der Hunde und das Knirschen der Kufen des Schlittens. Die Bäume am Seeufer biegen sich unter der Last des Neuschnees.Quelle: Muktuk

Die grandiose Landschaft des Yukon zieht am Hundeschlitten vorbei

Es gibt keine intensivere Art, die grandiose Landschaft des Yukon in ihrer Weite zu erleben als mit einem Schlitten, den eine Meute Huskys mit freudigster Lust durch die Stille zieht. Auf der Rückfahrt gibt auch der Nordostwind sein Bestes. Das Gefühl für Kälte verschwindet, so eisig ist es. Wieder am Hänger angekommen, strahlt Manuela über das ganze Gesicht. Zufrieden tätschelt sie jeden einzelnen der abgeschirrten Huskys, die sich ihr Fressen redlich verdient haben. “Wir sind ein gutes Team, die Hunde und ich. So muss es sein: Jeder für jeden und alle für einen”. Versonnen schaut sie in die Ferne und man glaubt ihr aufs Wort, das sie da angekommen ist, wo sie hin wollte. Ihre Pläne? Demnächst beginnt die Qualifikation für den Yukon Quest 2015.  

Der-Ort-Tipp:
Am Klondike Highway – Mile 55 liegt die Braburn-Lodge. In der offiziellen Versorgungsstation des Yukon-Quests gibt es riesige Hamburger sowie überdimensionale Zimtschnecken. Köstlich!  

Unterkunft:
Das Coast High Country Inn ist ein gutes Stadthotel mitten in Whitehorse, von einigen Zimmern hat man einen tollen Blick über den Yukon River.
Coast High Country Inn
4051-4th Avenue • Whitehorse, YT Y1A 1H1
www.coasthotels.com/hotels/yukon/whitehorse/coast-high-country-inn/

Allgemeine Informationen zum Hundeschlittenrennen:
www.yukonquest.infoQuelle: Muktuk

Bei Frank Turner können Hundefreunde das Schlittenfahren im Sommer mit Rollen und im Winter auf Kufen fahren lernen:
info@muktuk.com • www.muktuk.com

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