Dem Himmel so nah

Dem Himmel so nah

IMG_1866Wer kennt es nicht, das Bedürfnis, einmal an die eigenen Grenzen stoßen zu wollen und den inneren Schweinehund der Bequemlichkeit zu überwinden? Doch ohne ordentliche Steigungen und atemberaubende Ausblicke ist das Wandern gerade eigentlich ziemlich langweilig. Links neben dem Wegweiser zur nächsten Jausenstation ragt hier ein Felszahn aus dem Bergmassiv. Seine Ausmaße verheißen das Abenteuer, dem Himmel näher zu kommen. Meinem Vorschlag, vom Spazierweg abzubiegen und den Aufstieg zu wagen, beantwortet ein zweifelnder Blick von Bergführer Andrea auf mein Schuhwerk und die Jacke. Sie halten seiner Prüfung Stand und „alles Weitere wird sich schon zeigen“, grinst er. Es hat auch ein Auge dafür, wenn Teilnehmer seiner geführten Wandertouren durch die Bergwelt des Trentino eine gehörige Portion Selbstüberschätzung mitbringen. Der schlanke 24-Jährige mit klarem Blick und Wuschelhaar stammt aus Arco. Die kleine Stadt nördlich des Gardasees nennt sich selbst auch die Heimat des Kletterns. Seit 1987 findet dort jedes Jahr das Rockmaster-Festival statt, der bekannteste Sportkletterwettkampf der Welt. Im ersten Jahr traten die Kletterer noch an einem Naturfelsen an, seit 1988 geht es IMG_1884an einer künstlichen Kletterwand um den Sieg in den Disziplinen mit Seil, ohne Seil und Geschwindigkeit.

Kein Klingelton kann den Weg zum Gipfel unterbrechen  

Nicht nur der Spaß am Klettern, sondern die Liebe zur Natur und die Kraft, die man aus der Begegnung mit ihr schöpfen kann, sind Motto für Andrea und das Team der “Friends of Arco“ , wie sich die staatlich ausgebildeten und auf Gruppenführungen spezialisierten Bergführer in der Region nennen. „Wie schade, dass viele Touristen den WegIMG_1890 zur inneren Ruhe nur mit Mühe finden “, bedauert Andrea. Selbst Kinder werden von digitalen Wächtern gehetzt, die mit ihren Bling-Blings und sonstigen Klingeltönen den Tagesablauf nahezu pausenlos diktieren. Da hilft nichts anderes, als die Handys vor einer Tour einzusammeln, schmunzelt Andrea. Der Seitenhieb sitzt, mein Telefon bleibt für den Rest des Tages nicht nur lautlos, sondern ausgeschaltet.Wir lassen die Jause rechts liegen und wählen am Wegweiser den Weg mit der Nummer 420 Richtung Mazza di Pichea, was zu Deutsch Kopf des Pichea heißt. Die mit 1879 Meter angegebene Höhe schreckt nicht wirklich, zumal hier auf 600 Meter Höhe schon ein gutes Stück hinauf hinter uns liegt. Zudem steigt der von Latschenkiefern und Felsen gesäumte Weg moderat an. Weiße Blüten brechen IMG_1875schon hier und da aus dem mattbraunen Gras des letzten Winters. Schneerosen, erklärt Andrea, und schiebt auch den lateinischen Namen noch nach. Weil die große Wassermasse des Gardasees als Wärmespeicher wirkt und die Berge vor den kalten Nordwinden schützen, geht es auf ihrer Südseite schon früh los mit der Frühlingsblüte. Nur noch wenige Wochen, dann folgen Enzian, Edelweiß und etliche andere geschützte Blumenarten.

Eine weiße Taube markiert den Sentiero della Pace, der an den Zweiten Weltkrieg erinnern soll 

IMG_1882Bevor der Weg steiler und anspruchsvoller wird, bietet sich eine Schutzhütte zur kurzen Rast an. Eine Inschrift erinnert an einen Hauptmann namens Ludwig Riccabona. Der Österreicher mit dem italienischen Namen kämpfte in dieser Gegend mit seinem Regiment der Tiroler Kaiserjäger während des ersten Weltkriegs gegen die italienischen Alpini. Über zwei Jahre lang lieferte sich Österreich-Ungarn mit dem Nachbarn von Kälte, Lawinen und Steinschlag geprägte Kämpfe. Heute markiert eine weiße Taube den 520 Meter langen Sentiero della Pace, den IMG_1879Friedensweg, der vom nahen Tonale-Pass zum Gletscher bedeckten Marmolada vorbeführt. Alten Schützengräben, Bombentrichter und Reste der in die Felsen gesprengten Gefechtsstellungen säumen ihn. Die etwas beklemmende Stimmung erlöst die banale Frage: „Wie weit ist es noch bis oben?“. Das Gewirr der Gedanken, die einen zwangsläufig umfangen, bricht ab mit der Antwort, die Andrea sofort gibt. Irgendwie scheint auch er jetzt weg von der Vergangenheit kommen zu wollen: „Noch etwas über eine halbe Stunde.“

Das letzte Stück zum Gipfel führt über einen schmalen steinigen Steig 

IMG_1896Wo die Sonne den Weg noch nicht oder nicht mehr erwischt, lauert vereistes Geröll. Der Blick schweift, sucht nach sicheren Stellen, die Halt versprechen. Während Andrea mit seinen profilierten Wanderschuhen fast federnd über die spiegelglatten Steine marschiert, hangele ich mich hinter ihm mit Halt suchenden Griffen ins Gestrüpp beiderseits des Pfades ziemlich wackelig vorwärts. Ob dieser Wanderaufstieg wirklich eine gute Idee war, frage ich mich mehrfach, aber nur still. Die Luft wird dünner, der Kreislauf kommt mächtig in Schwung. Ich keuche und kreuche. Das letzte Stück vor dem Gipfelkreuz führt über einen steinigen, kaum einen Meter breiten Steig. Andrea bleibt zurück, wartet hinter mir geduldig und dirigiert mich über die schwierigste Passage des Trips. Beim Griff an das Drahtseil durchdringt Kälte die zerkratzten Hände. Ziemlich mühsam ziehe ich mich in die Höhe, während IMG_1916Andrea jeden meiner Fußtritte sorgfältig beobachtet. „ Lass dir Zeit, du schaffst das.“ Das steht für mich nun auch fest, nach einigen Zweifeln weiter unten. Ich verstehe nun, warum die Gruppen bei den geführten Touren klein sein müssen. „Bei fünf Leuten kann das schon mal eine Stunde dauern, bis alle oben sind“ sagt Andrea.

Kein Laut stört die Stille auf dem Gipfel 

Das Keuchen und alles ist weg, verdrängt vom der süßen Gewissheit: geschafft! Oben zu sein. Ein sanfter Wind IMG_1900umspielt das eiserne Gipfelkreuz auf dem schmalen Grat. Grandios der Blick nach Norden zu den weißen Eisriesen der Presanello und der Adamello Gruppe, während der Gardasee gerade unter einer dichten Wolken abgetaucht ist. Kein Laut stört die Stille auf dem Gipfel. Berge sind stille Meister und machen schweigsame Schüler, sagte einst Goethe. Er hat natürlich Recht. Die Stille wirkt so gewaltig, dass man sie fast schreien hört. Wir stehen IMG_1907stumm für eine ganze Weile. Glaube keiner, der Abstieg von einem Berg sei leichter als der Aufstieg! Mehr gerutscht als geklettert komme ich unten an. Andrea vermeidet es diplomatisch, meine Art der Fortbewegung zu kommentieren. Das meine ich jedenfalls aus den italienischen Sätzen herauszuhören, die er mit dem Gastwirt des Refugio Pernici austauscht, nicht ohne mir dabei ein strahlendes Lächeln zu schenken. An den blanken Holztischen der Jause sitzen hier Kletterer, Biker und Spaziergänger einträchtig bei deftigem Schmaus. Am Ende gilt für alle, dass sie, jeder auf seine Art und Weise, ein weitere Ziel im Leben erreicht haben.

Informationen

Infokasten Infokasten Klettern am Gardasee hat eine lange Tradition. Ob Anfänger, Fortgeschrittener oder Profi, hier findet jeder den passenden Berg. Die Natur bietet an ihren eindrucksvollen Wänden Routen vom dritten Schwierigkeitsgrad bis hin zu Mehrseillängenrouten. Alle Gebiete sind präpariert und gebohrt. Wer das Klettern lernen will oder wer seine Kenntnisse vertiefen will, findet bei den Bergführern der Bergschule „Friends of Arco“ Kletterkurse in Gruppen ab 3-4 Personen. (www.friendsofarco.it).

Eine der vielen typische Jausen verwöhnt nach dem Klettern mit einer tollen Aussicht von der Terrasse und leckerem deftigem Schmaus: Refugio Pernici (www.pernici.com). Für die übrigen Outdoor-Sportarten bietet das ganzjährig geöffnete natürliche Fitnesszentrum des Garda Trentino perfekte Voraussetzungen. Im Umkreis von 15 Kilometern sind sämtliche Disziplinen auszuüben, von Wassersport mit Segeln, Kanu oder Canyoning, über Trekking, Free-Climbing bis zum Mountainbiking. Für kulinarische Höhepunkte sorgt in Riva del Garda am nördlichen Gardasee Lukas Bombardelli im Hotelrestaurant Viletta Annessa mit feinen traditionellen Gerichten, außerdem gibt es leckeres Fleisch vom offenen Grill (www.hotelvillamiravalle.com). 

Der am nächsten gelegene Flughafen ist Verona Valerio Catullo. Der schnellste Weg mit dem Auto verläuft über die Autobahn A22 Modena – Brenner. Die Ausfahrt ist Rovereto Sud – Lago di Garda Nord, von hier sind es noch 17 Kilometer bis Riva del Garda. Der nächstgelegene Bahnhof ist Rovereto auf der Brenner-Linie, 20 km von Riva del Garda entfernt.

Allgemeine Informationen: www.gardatrentino.it

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